Gute Fragen werden unbezahlbar

Gute Fragen werden unbezahlbar

WISSEN VERLIERT AN WERT. NEUGIER WIRD ZUR SCHLÜSSELKOMPETENZ.

Was passiert eigentlich, wenn Wissen nicht mehr knapp ist? Wenn wir auf nahezu jede Frage innerhalb von Sekunden eine Antwort bekommen? Wenn KI nicht nur recherchiert und Texte schreibt, sondern analysiert, simuliert, entscheidet und zunehmend selbst Aufgaben übernimmt? Dann könnte ausgerechnet das an Bedeutung verlieren, worauf wir unsere Bildungs- und Arbeitswelt jahrzehntelang aufgebaut haben: möglichst viel zu wissen.

Der Vortrag „Die Ingenieure der 2030er-Jahre“ des Zukunftsforschers Lars Thomsen hat mich genau deshalb fasziniert. Denn obwohl er vor Ingenieurinnen und Ingenieuren spricht, geht es im Kern um viel mehr: Wie verändert KI unsere Arbeitswelt? Was passiert, wenn KI und Robotik zusammenwachsen? Welche Chancen verpassen wir gerade? Und vor allem: Was müssen wir Menschen in Zukunft können?

Ein Gedanke zieht sich für mich durch den gesamten Vortrag: Die Zukunft gehört nicht unbedingt denen, die am meisten wissen. Sondern denen, die neugierig bleiben, Zusammenhänge erkennen, die richtigen Fragen stellen – und aus Ideen etwas machen.

VON DER INFORMATION ZUR ANTWORT – UND VON DER ANTWORT ZUM HANDELN

Thomsen zeichnet eine interessante Entwicklung nach. Vor rund 30 Jahren veränderte das Internet unseren Umgang mit Wissen. Google half uns dabei, Informationen zu finden. Dann kamen generative KI und ChatGPT. Wir mussten nicht mehr nur suchen. Wir konnten eine Frage stellen – und bekamen eine formulierte Antwort.

Doch inzwischen beginnt bereits die nächste Phase: KI-Agenten sollen nicht mehr nur antworten, sondern Aufgaben lösen. Und mit „Physical AI“ verbindet sich künstliche Intelligenz mit Robotik und gelangt aus dem Bildschirm in die physische Welt. Genau darin sieht Thomsen einen entscheidenden Wendepunkt. Denn eine KI, die mir erklärt, wie etwas funktioniert, ist das eine. Ein intelligentes System, das selbstständig handeln, lernen und physische Aufgaben übernehmen kann, ist etwas völlig anderes.

ROBOTER SIND PLÖTZLICH KEINE SCIENCE-FICTION MEHR

Thomsen zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie schnell diese Entwicklung voranschreitet. Humanoide Roboter werden leistungsfähiger und günstiger. Sie lernen Bewegungsabläufe, können ihre Umgebung über Sensoren wahrnehmen und sollen zunehmend in menschlichen Umgebungen arbeiten können.

Spannend ist dabei die Verbindung von KI, Mechanik, Mechatronik und Lernen.

Roboter werden nicht mehr für jede einzelne Bewegung ausschließlich klassisch programmiert. Modelle können aus großen Datenmengen und beispielsweise Videos lernen, wie bestimmte Tätigkeiten ausgeführt werden. Damit werden Anwendungen denkbar, die lange nach Zukunftsmusik klangen: Logistik, Produktion, Lieferdienste, Landwirtschaft – aber auch Unterstützung in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen.

Gerade angesichts des Fachkräftemangels bekommt diese Entwicklung eine ganz neue Bedeutung. Die Frage lautet dann vielleicht irgendwann nicht mehr: „Nimmt uns der Roboter die Arbeit weg?“ Sondern auch: „Wo kann er Arbeit übernehmen, für die wir längst nicht mehr genügend Menschen finden?“

CHINA: KOPIERT – ODER EINFACH BESSER GELERNT?

An diesem Punkt wird Thomsen deutlich unbequemer. Er richtet den Blick nach China. Vor 20 oder 30 Jahren seien chinesische Unternehmen nach Deutschland gekommen, hätten unsere Autos, Maschinen und Technologien genau studiert.

Man könne sagen: Sie haben kopiert. Thomsen schlägt eine andere Perspektive vor: Sie haben gelernt. Sie waren neugierig. Sie wollten verstehen, wie etwas funktioniert. Anschließend wurde ausprobiert, weiterentwickelt und miteinander verbunden. Heute sieht Thomsen diese Geschwindigkeit unter anderem in der chinesischen Robotik. Und er stellt eine Frage, über die wir durchaus nachdenken sollten: Sind wir selbst noch genauso neugierig? Oder verlassen wir uns zu sehr darauf, dass unser bisheriger Erfolg auch für die Zukunft reicht?

EINE UNTERSCHÄTZTE CHANCE FÜR DEUTSCHLAND

Besonders interessant finde ich Thomsens Gedanken zur deutschen Automobilindustrie. Deutschland verfügt über enorme Ingenieurskompetenz. Wir können hochkomplexe Maschinen so entwickeln, dass sie bei Hitze, Kälte, Staub und unterschiedlichsten Bedingungen zuverlässig funktionieren. Genau diese Kompetenz könnte laut Thomsen auch für Robotik enorm wertvoll werden. Ein humanoider Roboter ist schließlich nicht nur KI. Er braucht Gelenke, Motoren, Sensoren, Materialien, Energieversorgung und eine Mechanik, die zuverlässig funktioniert. Vielleicht liegt die Zukunft unserer Industrie also nicht darin, das bisher Erfolgreiche möglichst lange zu verteidigen. Vielleicht liegt sie darin, vorhandene Fähigkeiten auf völlig neue Märkte zu übertragen.

HÖREN WIR ENDLICH AUF, NUR ÜBER „DIGITALISIERUNG“ ZU REDEN?

Auch hier wird Thomsen provokant. Die Diskussion über Digitalisierung hält er inzwischen für rückwärtsgewandt. Digitalisierung begann vor Jahrzehnten. Die entscheidende Frage sei heute nicht mehr, ob etwas digital wird. Sondern was wir mit Intelligenz anfangen, die uns überall zur Verfügung steht.

Dafür verwendet er zwei interessante Begriffe:

  • Ambient Intelligence – eine Intelligenz, die uns umgibt und begleitet.
  • Und Augmented Intelligence – eine Intelligenz, die unsere eigenen Fähigkeiten erweitert.

Diese Perspektive gefällt mir. Denn sie löst KI ein Stück weit aus dem permanenten Kampf „Mensch gegen Maschine“. Was wäre, wenn wir KI stärker als Sparringspartner betrachten? Als Unterstützung beim Denken, Recherchieren, Hinterfragen, Simulieren und Entwickeln?

DAS ENDE DER ENDLOSSCHLEIFEN?

Ein Beispiel aus dem Vortrag dürfte vielen aus Unternehmen bekannt vorkommen.

Eine Idee entsteht. Ein Meeting wird einberufen. Verschiedene Abteilungen sitzen zusammen. Zwei Personen haben unterschiedliche Informationen. Man vertagt sich. Jemand soll recherchieren. Ein neuer Termin muss gefunden werden. Wochen oder Monate später trifft man sich erneut. Und die eigentliche Idee? Ist kaum weiter.

Thomsen beschreibt eine andere Arbeitswelt. KI-Agenten könnten während eines solchen Treffens Informationen recherchieren, Fakten überprüfen, unterschiedliche Positionen gegenüberstellen, Simulationen starten oder erste Konzepte entwickeln. Aus einer Diskussion könnte unmittelbar ein Test entstehen.

Aus einer Idee ein erster Prototyp. Aus einem Prototyp ein Pilotprojekt. Sein Wunsch bringt es wunderbar auf den Punkt: Mehr Prototyp. Mehr Pilot. Mehr lernen. Weniger PowerPoint. Vielleicht ist genau das eine der größten Chancen von KI. Nicht einfach noch mehr in der gleichen Zeit zu produzieren. Sondern endlich manche zähen Prozesse grundsätzlich anders zu gestalten.

ENERGIE ZEIGT, WARUM SYSTEMISCHES DENKEN SO WICHTIG WIRD

Thomsen nimmt im Vortrag auch die Energiewende als Beispiel.

KI und Rechenzentren erhöhen den Energiebedarf massiv. Gleichzeitig wachsen erneuerbare Energien, Speichertechnologien, intelligente Netze und neue Batteriekonzepte.

Seine Botschaft: Wir dürfen diese Fragen nicht einzeln betrachten. Solarenergie ohne Speicher. Elektromobilität ohne Stromnetz. KI ohne Energieversorgung. Robotik ohne Mechanik. Technologie ohne Geschäftsmodell. Das funktioniert nicht. Die Zukunft braucht Menschen, die Verbindungen herstellen können. Und damit landet Thomsen bei einer Fähigkeit, die für mich weit über das Ingenieurwesen hinausgeht: systemisches Denken. Nicht nur den eigenen Verantwortungsbereich sehen. Sondern verstehen, wie Technologie, Wirtschaft, Menschen, Energie, Regulierung und gesellschaftliche Folgen zusammenwirken.

WENN ANTWORTEN NICHTS MEHR KOSTEN, WERDEN FRAGEN WERTVOLL

Dann kommt für mich einer der stärksten Gedanken des gesamten Vortrags:

„In einer Zeit, in der eine Antwort praktisch nichts mehr kostet, ist der Wert der Frage das Einzige, was zählt.“

Natürlich ist das zugespitzt. Aber der Gedanke dahinter ist enorm.

Was passiert mit Fachwissen, wenn wir uns innerhalb kürzester Zeit in ein unbekanntes Thema einarbeiten können?

Dann wird nicht Wissen unwichtig. Aber es verändert seine Rolle. Entscheidender werden vielleicht:

  • Kann ich erkennen, welches Wissen ich brauche?
  • Kann ich Zusammenhänge herstellen?
  • Kann ich eine gute Frage formulieren?
  • Kann ich beurteilen, ob eine Antwort sinnvoll ist?
  • Kann ich daraus eine Idee entwickeln?
  • Und kann ich diese Idee umsetzen?

DIE 7 FÄHIGKEITEN FÜR DIE ZUKUNFT

Am Ende seines Vortrags nennt Thomsen sieben Kompetenzen, die Menschen aus seiner Sicht kultivieren sollten.

  • NEUGIER Nicht alles sofort bewerten. Hinschauen. Fragen. Verstehen wollen. Für Thomsen ist Neugier eine produktive Suchenergie.
  • SYSTEMISCHES DENKEN Nicht nur Einzelteile optimieren, sondern Zusammenhänge verstehen – zwischen Technik, Ökonomie, Nutzerverhalten, Energie, Regulierung und Skalierung.
  • URTEILSKRAFT Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch sinnvoll. Wir müssen unterscheiden können zwischen relevant und irrelevant, zwischen Möglichkeit und Verantwortung.
  • KI-KOMPETENZ Nicht jeder muss programmieren. Aber wir sollten verstehen, wie wir KI sinnvoll für unsere eigene Arbeit einsetzen können.
  • INTERDISZIPLINÄRE ÜBERSETZUNGSFÄHIGKEIT Die spannendsten Lösungen entstehen oft zwischen verschiedenen Fachgebieten. Dafür müssen Menschen miteinander sprechen können, ohne sich hinter Fachsprache zu verstecken.
  • UMSETZUNGSKRAFT Nicht nur diskutieren. Bauen. Testen. Lernen. Verbessern. Die Zeit zwischen Idee und Umsetzung muss kürzer werden.
  • VERANTWORTUNG UND HALTUNG Vielleicht ist das sogar die wichtigste Kompetenz. Denn je mächtiger Technologie wird, desto wichtiger wird unser innerer Kompass. Nicht nur: Können wir das bauen? Sondern: Wofür bauen wir es?

DIE ZUKUNFT WIRD TECHNISCHER – UND GERADE DESHALB MENSCHLICHER

Mich hat an diesem Vortrag vor allem eines überrascht. Am Ende eines Vortrags über KI, Agenten, humanoide Roboter, Energiesysteme und technologische Umbrüche bleiben keine sieben technischen Fähigkeiten stehen. Es bleiben überwiegend menschliche.

Neugier. Fantasie. Urteilskraft. Kommunikation. Mut. Verantwortung. Gestaltungswille.

Vielleicht ist das die beruhigendste und gleichzeitig herausforderndste Botschaft. Wir müssen nicht versuchen, schneller zu rechnen als eine Maschine. Wir müssen lernen, die Möglichkeiten dieser Maschinen klug zu nutzen. Und vielleicht müssen wir uns wieder etwas erlauben, das wir als Kinder ganz selbstverständlich konnten: uns Dinge vorzustellen, die es noch nicht gibt.

Thomsen erzählt von seiner Kindheit zwischen einer Mutter, die Fantasie und Neugier förderte, und einem Vater als Ingenieur, der anschließend fragte: Wie könnte das tatsächlich funktionieren? Diese Verbindung finde ich wunderbar. Erst träumen. Dann verstehen. Dann ausprobieren. Dann bauen. Vielleicht ist genau das Zukunftskompetenz. Nicht alles schon zu wissen. Sondern neugierig genug zu sein, die richtige Frage zu stellen – und mutig genug, aus der Antwort etwas entstehen zu lassen.

Zum Vortrag „Die Ingenieure der 2030er-Jahre“ von Lars Thomsen

Was meint ihr: Welche dieser Fähigkeiten wird in den nächsten Jahren wirklich entscheidend?

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