Leadership: Wir führen andere, wie wir geliebt wurden.
Wir sprechen in Unternehmen viel über Leadership-Kompetenzen: Empathie. Kommunikation. Konfliktfähigkeit. Selbstführung. Resilienz.
Aber über das, was all diese Fähigkeiten prägt, wird kaum gesprochen:
Unsere frühe Bindungserfahrung. Die Art, wie wir Nähe, Kritik, Grenzen und Anerkennung gelernt haben. Und wie diese Muster sich unbewusst in unsere Führung einschreiben.
Leadership beginnt nicht dort, wo Entscheidungen getroffen werden. Leadership beginnt viel früher: in unseren ersten Beziehungen.
Warum das so entscheidend ist
Viele Führungskräfte wirken souverän, reflektiert, professionell. Sie halten Teams zusammen, treffen Entscheidungen, bleiben ruhig.
Aber unter der Oberfläche wirken Beziehungsmuster, die älter sind als jede Führungsrolle:
- Nähe löst Unsicherheit aus — und wird durch „Professionalität“ ersetzt.
- Kritik fühlt sich wie Liebesverlust an — und wird verteidigt statt verstanden.
- Verantwortung abgeben wirkt wie Kontrollverlust — und wird gemieden.
- Harmonie wird mit Zugehörigkeit verwechselt — und Konflikte werden umschifft.
Nach außen: gelassene Führung. Innerlich: Beziehungsbiografie in Dauerschleife.
Übertragung: Wir reagieren nicht neutral
Freud nannte es Übertragung:
Wir reagieren auf Kolleg:innen, Mitarbeitende oder Vorgesetzte so, als wären sie Menschen aus unserer Vergangenheit.
Kritik heute klingt wie Kritik damals. Nähe heute fühlt sich an wie Nähe damals. Konflikt heute wird erlebt wie Konflikt damals.
Das passiert nicht bewusst. Es passiert automatisch.
Melanie Klein beschreibt das so: Wir nehmen andere nicht wahr, wie sie sind — sondern wie wir sie in unserer inneren Welt erleben.
Gegenübertragung: Teams reagieren mit
Und Teams spüren das — immer.
- Wenn eine Führungskraft Nähe vermeidet, zieht sich das Team zurück.
- Wenn eine Führungskraft Kontrolle aus Angst ausübt, verliert das Team Eigenverantwortung.
- Wenn eine Führungskraft Harmonie sucht, erstarren Konflikte unter der Oberfläche.
Beziehung ist ein Kreislauf. Wir sind nie allein im Raum.
Die Familie als erstes Führungssystem
Wir lernen in unseren Herkunftssystemen:
- Was Nähe bedeutet.
- Wie Konflikte funktionieren.
- Wie Macht verteilt wird.
- Was man tun muss, um gesehen zu werden.
- Was Sicherheit bedeutet – oder eben nicht.
Und Jahre später nennen wir es Führungshaltung.
Wenn jemand früh lernen musste, „für alle stark zu sein“, entsteht später eine Führungskraft, die niemanden an sich heranlässt und Verantwortung nicht teilt.
Wenn jemand gelernt hat, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, um Zugehörigkeit zu sichern, entsteht später eine Führungskraft, die erschöpft, weil sie zu viel trägt.
Wenn jemand gelernt hat, dass Gefühle unsicher sind, entsteht eine Führungskraft, die brillant denkt, aber emotional unnahbar wirkt.
Das sind keine Charakterschwächen. Das sind Überlebensstrategien.
Und sie waren damals sinnvoll. Heute stehen sie Entwicklung im Weg.
Bindung prägt Leadership
Menschen mit sicherer Bindungserfahrung können Nähe und Grenzen gleichzeitig halten. Sie bieten Orientierung, ohne zu kontrollieren. Sie sind offen, ohne sich zu verlieren.
Ängstlich geprägte Führungskräfte suchen Bestätigung über Leistung. Sie geben viel — oft zu viel — und brennen leise aus.
Vermeidend geprägte Führungskräfte halten emotionale Distanz. Teams funktionieren — aber sie fühlen sich nicht gesehen.
Das Entscheidende: Diese Muster sind nicht festgefahren. Sie sind gelernt — und damit veränderbar.
Abwehr schützt — aber sie verbindet nicht
Wenn es eng wird, schützen wir uns automatisch:
- Idealisierung: Nähe wird überhöht — bis die Enttäuschung kommt.
- Entwertung: Menschen werden plötzlich abgewertet — um sich nicht verletzbar zu fühlen.
- Spaltung: Die Welt wird in gut / schlecht, loyal / illoyal eingeteilt — um Komplexität zu reduzieren.
- Verleugnung: Probleme werden „nicht gesehen“ — um nicht fühlen zu müssen.
Abwehrmechanismen sind Beziehungsregulation. Nicht falsch. Aber blind gesteuert.
Reife Führung beginnt dort, wo wir sie erkennen.
Was reife Führung wirklich ausmacht
Reife Führung heißt nicht, perfekt zu sein. Sondern bewusst.
- Selbstwahrnehmung „Was fühle ich gerade? Warum? Wofür kenne ich das?“
- Emotionale Präsenz Im Kontakt bleiben — auch wenn es unangenehm wird.
- Konflikte halten Spannung nicht vermeiden, sondern gestalten.
- Reflexion Coaching, Supervision, Therapie — nicht als Reparatur. Sondern als Führungsstandard.
Führung ist kein Technikthema. Führung ist ein Reifungsprozess.
Die stille Wahrheit
Wir führen andere, wie wir gelernt haben, Nähe zu halten. Und wie wir gelernt haben, Liebe zu schützen.
Wenn wir das verstehen, hört Führung auf, Maskenspiel zu sein — und wird zu Beziehung.
Und dort beginnt Kultur. Transformation. Wirkung.
Nicht laut. Sondern wahr.
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