Lieben trotz Depression!

Schauen Sie sich um: Haben Sie gerade jemanden in Ihrem Bekanntenkreis, unter ihren Freunden, Verwandten, der oder die an einer Depression erkrankt ist? Oder leidet Ihr Partner, Ihr Kind oder ein Elternteil an einer depressiven Episode? Plötzlich ist alles anders, nichts ist mehr wie es war. Die vorher vielleicht wundervolle Beziehung, Freundschaft und Liebe ist von einem zum anderen Tag nicht mehr da und auch trotz Bemühungen in dem Moment nicht mehr herstellbar. Sie fühlen sich hilflos und handlungsunfähig, ausgeschlossen. Sie erreichen die Person nicht mehr. Es fühlt sich an, als ob der andere erfroren, zu Stein erstarrt ist.

Ich möchte Ihnen ein paar Vorschläge im Umgang mit depressiven Menschen geben, denn auch ich darf erleben, wie es ist im Freundeskreis, in der Familie Menschen leiden zu sehen. Ich habe aber auch das Glück zu erleben, dass es wieder wundervoll werden kann und möchte die Dankbarkeit mit dieser Hilfestellung zum Ausdruck bringen und andere Menschen daran teilhaben lassen. Ich muss aber auch sagen, dass es keine generelle Empfehlung geben kann. Jeder Mensch ist anders und das soziale Umfeld sowie die Vorgeschichte des erkrankten Menschen ist von Bedeutung.

Bevor Sie dies lesen, möchte wir Ihnen raten, sich über das Krankheitsbild der Depression bzw. depressiven Episode zu informieren. Eine Depression ist eine ernstzunehmende Krankheit, die unbeschreibliches Seelenleid für die betreffende Person mit sich bringt. Zudem ist es für viele Menschen lange nicht ersichtlich und vorstellbar, daran zu erkranken. Hinzu kommt, dass die Krankheit nur schwer erklärbar für den Betroffenen ist, da es sich nicht wie bei somatischen Erkrankungen um ein am Körper vorzeigbare Verletzung handelt. Seien Sie aber gewiss: Für den Betroffenen ist es schlimm, sehr schlimm.

Wann das Krankheitsbild vorliegt, kann nur ein ausgebildeter Therapeut oder Arzt feststellen. Sie als begleitende Person sollten – so sehr sie sich informiert haben und es sich zutrauen – sich kein Urteil bilden und eine „Diagnose“ erstellen. Nehmen Sie den Erkrankten so wie er ist und bewerten Sie weder ihn, noch sein Vergangenheit und betreiben Sie keine Ursachenforschung. Damit ist einem depressiven Menschen in der Krisensituation seines Lebens nicht geholfen.

Menschen mit einer Depression leben gerade in einem Strudel negativer Gefühle. Sie sind gefangen in sich selbst. Sie werten sich selbst ab und sprechen „böse“ von sich. Ihre Gedanken kreisen in der Vergangenheit und sie empfinden Schuld und Scham, oder sie denken an die Zukunft und Angst entsteht. Sie sind nicht im hier und jetzt und können sich nicht spüren, ihr Umfeld – zu dem auch Sie gehören – nur in ihrem Konstrukt wahrnehmen. Menschen mit Depression haben zum Teil oder ganz keinen Zugang mehr zu ihren Gefühlen. Sie können keine Freude empfinden und manchmal sogar keine Trauer. Sie fühlen sich leer, als hohle Hülle ihres Selbst. Für Sie als gesunder Mensch sind die Gedanken nicht nachvollziehbar und unverständlich. Auch für mich war das alles bekannt, aber nicht fühlbar, nicht empfindbar.

Fangen wir aber erst einmal damit an, was Sie nicht tun könnten. Denn genau das könnte die Depression verstärken und das wollen Sie sicherlich nicht.

Was sollten Sie nicht tun?
  1. Werten Sie die Gefühle und Gedanken der depressiven Person nicht: „Das ist doch gar nicht schlimm“
  2. Banalisieren Sie die Situation nicht: „Schau mal wie draußen die Sonne so schön scheint.“, „Schau mal wie schön die Blumen durften.“, „Jedem geht es mal nicht so gut, das wird schon wieder…“
  3. Vergleichen Sie das Leid nicht mit sich selbst: „Mir geht es auch schlecht, aber…“
  4. Vermeiden Sie Aussagen, die Schuldgefühle auslösen könnten: „ Eigentlich geht es dir doch gut“, „Schau doch deinen Freund an, ihm geht es noch viel schlimmer“.
  5. Werden Sie nicht aggressiv, unbeherrscht und laut: „Jetzt nimm dich mal zusammen.“, „Ich ertrage das nicht mit dir.“
  6. Aufheitern wird nicht funktionieren. Über Witze und lustige Anekdoten kann der Depressive in der Krise nicht lachen.
  7. Die Therapeutenrolle steht ihnen nicht zu: „Also ich empfehle dir…, probiere doch mal das aus…, vielleicht kann es davon kommen…

Nun sind Sie aber auch nur ein Mensch und genau solche Sätze rutschen Ihnen über die Lippen. Das ist normal. Verzeihen Sie sich selbst im Umgang mit der erkrankten Person. Es ist auch eine Krise für Sie, sie erleben eine belastende Situation, die zuvor vielleicht noch nie so da war. Alles ist unbekannt und so sehr Sie es vielleicht wollen, Sie können nicht immer helfen. Halten Sie Sie sich vor Augen: Sie sind nicht für den anderen verantwortlich, auch nicht für dessen Lebenswille und dessen Leben. Ich möchte es hier auch ganz deutlich schreiben: Wenn er aus dem Leben treten möchte, werden Sie es nicht aufhalten können. Vieles was die betroffene Person sagt ist allerdings nur ein Hilferuf und nicht die konkrete Ankündigung der Selbsttötung. Holen Sie sich in dieser Situation Hilfe. Vielleicht haben Sie in Ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis jemanden, der Sie in dieser Situation begleitet. Das wäre sehr hilfreich.

Was aber immer am wichtigsten in der mehrwöchigen oder auch mehrjährigen Phase der Depression ist, sorgen Sie für sich selbst. Das heißt, ziehen Sie sich ab und zu zurück und füllen Sie ihr eigenes Energiefässchen. Einen Spaziergang dürfen Sie auch alleine machen und müssen ihn oder sie nicht mitnehmen. Suchen Sie sich bewusst Freiräume. Das kann ein eigenes Zimmer sein oder ein Treffen mit Freunden alleine. Geben Sie sich nicht auf und ordnen Sie sich der Krankheit nicht unter. Erhalten Sie trotz des Mitfühlens, Mitleidens ihre eigene Lebensfreude, auch wenn der Betroffene diese Lebensfreude in dem Moment fast nicht ertragen kann.

Nun kommen wir einmal dazu, was sie machen könnten, wenn es Ihnen persönlich möglich ist und Sie es machen möchten und mental und körperlich können. Es ist aber wie bei der ersten Hilfe oder in einer Gefahrensituation: Erst geht es um Sie und die Erhaltung ihrer Gesundheit. Helfen Sie nur, wenn Sie dadurch nicht geschwächt werden. Dem Betroffenen dient es nicht, wenn auch Sie erkranken.

Was können Sie tun in der Krise?
  1. Verbringen Sie Zeit mit dem Erkrankten, auch wenn es nur Minuten sind.
  2. Bleiben Sie bzw. besuchen Sie ihn/sie erneut auch wenn der Erkrankte sagt: „Das brauchst du nicht zu tun.“
  3. Hören Sie zu und versuchen Sie ihn zu verstehen: „Sag mir doch einmal was du denkst.“ (Achtung bitte beachten, was man dann nicht tun sollte.)
  4. Verwöhnen Sie ihn/sie auch mal mit was ganz banalen Dingen, wie einen warmen Tee, ein leckeres Essen, ein paar Blumen, einkaufen gehen…
  5. Wenn er es möchte, sorgen Sie für Nähe (Klären Sie es aber zuvor, ob der andere es möchte und erträgt).
Wenn es der Person wieder ein wenig besser geht, dass heißt die Person wieder Sie und das was Sie sagen aufnehmen kann und er/sie als Unterstützer akzeptiert, Ihnen vertraut, Sie somit die Erlaubnis haben zu begleiten, dann gibt es auch ein paar Tipps:
  1. Bleiben Sie in Beziehung, dass heißt ziehen Sie sich nicht zurück, wenn der andere Sie kränkt, beleidigt, sich abgrenzt oder verletzt. Er kann und konnte nicht anders. Das klingt zwar trivial, aber das hat nichts mit Ihnen zu tun. Klären Sie es aber verständnisvoll und verzeihend, wenn es ihm besser geht. Das muss und sollte geklärt werden, schreiben Sie es sich auf, wenn es Sie weiterhin beschäftigt. Fragen Sie ihn, ob er nicht anders konnte? Sie werden ein ja erhalten. Fragen Sie ihn, ob er es mit Absicht getan hat? Sie werden ein nein erhalten. Fragen Sie! Vermuten Sie nicht! Beziehen Sie es nicht auf sich, ohne es geklärt zu haben.
  2. Sagen Sie ihm, dass Sie gerne für ihn/sie da sind, zeigen Sie es durch Ihre Anwesentheit und sagen Sie auch, dass Sie ihn/sie mögen, gern haben bzw. lieben. Sagen Sie ihm/ihr, was Sie gut an ihn finden. Sprechen Sie positiv über sich, über den anderen, über das was ist, über ihr Umfeld. Negatives hat er genug.

In solchen Situation habe ich oft im Internet gesucht und nie so einen „Erfahrungsbericht“ und konkrete Tipps gefunden. Aus diesem Grund war es mir einfach wichtig, diesen Blogbeitrag „Lieben trotz Depression“ zu schreiben.

Autorin: Anita Schmitt